Historische Darstellungen, Zunftzeichen und Symbole des Brauer- und Mälzerhandwerks

Brauerdarstellungen

Die nach heutigem Wissensstand ältesten deutschen handwerklichen Darstellungen [43] von Bierbrauern stammen aus dem Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstifung. Die Familie Mendel war in Nürnberg durch den Fernhandel reich geworden und engagierte sich im Zeichen der christlichen Nächstenliebe für die Armen. Im Jahre 1388 begründete Konrad Mendel d. Ä. die Stiftung, in der 12 alte, kranke, aber nicht bettlägerige Männer, welche das Nürnberger Bürgerrecht besaßen und sich mit eigener Arbeit nicht mehr ernähren konnten [44] nach dem Vorbild der Apostel leben und von Pflegern versorgt werden sollten. Mönche, wie im Zusammenhang mit den bildlichen Darstellungen gerne erwähnt, waren die Mitglieder der Stiftung jedoch nicht. Im Gegenteil: Die Familie Mendel hatte aufgrund ihrer einflußreichen Stellung in Nürnberg und im Patrizierrat mehr Einsicht in die kirchlichen Machtstrukturen, als die meisten ihrer Zeitgenossen. Nachdem die mittelalterliche Kirche sich sehr oft alles andere als christlich verhielt und den Kirchenfürsten weltlicher Einfluß und materielle Werte manchmal wertvoller waren als der Glaube, hatte die Familie eine gewisse Distanz zum Klerus aufgebaut. Die Hausordnung der Stiftung war für ihre Zeit fast schon antikirchlich, namentlich durften Geistliche oder Ordensbrüder in ihr explizit nicht aufgenommen werden [45] . Man darf diese Einrichtung also keinesfalls mit einem Kloster gleichsetzen.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war die Mendelsche Stiftung Vorlage für weitere ähnliche Einrichtungen in verschiedenen Städten, unter anderem in Deggendorf, Salzburg und Passau [46] , so zum Beispiel auch die im übernächsten Kapitel erwähnte Landauer Zwölfbrüderstiftung.

3.1      Hausbuch der Mendel

Um 1425 wurde die Bilderhandschrift, auch Hausbuch genannt, der Stiftung auf Veranlassung von Marquard Mendel begonnen. Er war ein Enkel von Konrad Mendel d. Ä. und gleichzeitig Pfleger im Heim. Sie untergliedert sich in 3 Bände, wobei vor allem der Erste und Teile des Zweiten (bis zum 17. Jahrhundert) von handwerksgeschichtlichem Interesse sind. Die Mitglieder der Stiftung werden bei ihrer ehemaligen Arbeit inklusive der damals üblichen Gerätschaften und Werkzeuge dargestellt. Ab dem 17. Jahrhundert und im dritten Band gingen die Zeichner aus Platzgründen dazu über, die Mitglieder der Stiftung nicht mehr bei der Arbeit sondern in Portrait-Form darzustellen.

Die bekannteste und innerhalb des Hausbuches älteste Bierbrauerdarstellung ist die des Pyrprew Herttel aus dem Jahre 1425 [47] .

Abb. 7: Herttel Pyrprew,
Mendel Band I (1425), Seite 20v

Der Text auf der Zeichnung lautet: „Der XLVI Bruder, der do starb, hieß Herttel Pyrprew“. Deutlich erkennbar ist der Braukessel mit zwei seitlich befestigten Ringen. Vorne rechts stehen zwei Daubenbottiche und über dem Brauer, befestigt an einer Querstange, befindet sich ein Hexagramm [48] .  Herttel selbst scheint in dem Kessel über dem offenen Feuer zu rühren.

Eine weitere Brauer-Darstellung findet sich im Jahre 1437:

Abb. 8: Jorg Prewmaister,
Mendel Band I (1437), Seite 60

Der Text lautet: „Anno domini XXXVII starb Jorg Prewmaister zu sand Jobs [49] , wan der waß sundersich [50] worden und den hett man zinaußgetan, der 124 bruder“.

Die auffallende Ähnlichkeit der Abbildungen 7 und 8 ist typisch für den ersten Zeichner im Hausbuch, der für die ersten 120 Darstellungen verantwortlich ist [51] . Die übrigen Handwerker aus der Feder dieses Künstlers tragen ebenfalls die gleichen Gesichtszüge, wie an der folgenden Zeichnung exemplarisch belegt werden kann:

Abb. 9: Darstellung eines Webers,
Mendel Band I, 15. Jh.

Im übrigen bleibt festzuhalten, daß die Abbildungen der ersten 97 Brüder posthum auf Basis von Aufzeichnungen erstellt wurden, und der Zeichner diese Brüder nicht mehr im wirklichen Leben kennengelernt hatte. [52] Um lebensechte Portraits handelte es sich von daher nicht.

In Abbildung 8 erkennt man, wie schon in Abbildung 7, einen Braukessel mit seitlich befestigten Ringen und zwei Daubenbottichen. An der Querstange hängt diesmal eine Art Gitter. Wie schon Herttel, scheint auch Jorg in dem Kessel über dem offenen Feuer zu rühren.

Die nächste Darstellung eines Bierberufes ist aus dem Jahre 1506.

Abb. 10: Hans Franck, Biermesser,
Mendel Band I (1506), Seite 125v

Hans Franck war laut der Beschreibung Biermesser und somit städtischer Angestellter. Die Biermesser hatten die Aufgabe die Malz- und Biermenge zwecks korrekter Steuererhebung abzumessen [53] . Die Ähnlichkeit zu Abbildung 7 und 8 ist eindeutig, jedoch ist die Gesichtsdarstellung eine andere, weil es sich um einen neuen Zeichner handelt [54] . Wieder erkennt man die Ringe, die Daubenbottiche und das, wenn auch schlecht gezeichnete, fast schon fünfeckige, Hexagramm [55] . Neu hingegen ist das Werkzeug, ein Bierschöpfer.

Eine weitere Abbildung findet sich im Jahre 1560.

Abb. 11: Hans, genannt Distler, Albrecht,
Mendel Band II (1560), Seite 24v

Zunächst fällt auf, daß Distler Albrecht nicht wie die anderen vorher bei der Arbeit, sondern im Freien vor zwei Gebäuden steht. Im Hintergrund erkennt man an einer Stange das – erstmalig rote – Hexagramm und einen Busch oder Zweig, eine Besonderheit, auf die im Kapitel 4 noch eingegangen wird. Interessant sind zudem die beiden anderen dargestellten Personen. Der Linke scheint gerade mit der Aussaat beschäftig zu sein, während der Rechte mit Krug und Bierschöpfer ausgerüstet in das Haus mit der Stange geht. Von dieser Form der Zeichnung läßt sich vermuten, daß es sich bei dem linken Haus um die Mälzerei und bei dem rechten um die Brauerei handelt. Dafür sprechen auch die zwei Schornsteine, da offenes Feuer für beide notwendig war. In dieser Abbildung ist ein Brauer auch zum ersten Mal gänzlich ohne Werkzeuge dargestellt. Dies wird sich ab dem Ende des 17. Jahrhunderts fortsetzen.

Die in den folgenden Jahren nach Hans Distler entstanden Bierbrauer-Zeichnungen sind alle sehr ähnlich:

Abb. 12: Hans Osterstückh,
Melzer,
Mendel Band II (1600), Seite 66

 

Abb. 13: Heinrich Kautsch,
Preumeister,
Mendel Band II (1607), Seite 75

 

Abb. 14: Paulus Pfister,
Mendel Band II (1624), Seite 98v

 

Abb. 15: Ulrich Lederer,
Mendel Band II (1647), Seite 126

Die Bierbrauer werden nicht mehr bei der tatsächlichen Handwerksarbeit, sondern immer mit Bierschöpfer „in Pose“ dargestellt. Dieser Trend zur Vereinfachung der Zeichnungen setzt sich ab dem 17. Jahrhundert wie bereits erwähnt weiter fort, indem nur noch Portraits ohne Werkzeuge in das Hausbuch aufgenommen werden. Eine kleine Besonderheit sehen wir in Abbildung 12: Rechts hinter Hans Osterstückh erkennt man eine Art Holzzuber in dem eine dunkle Masse aufbewahrt wird. Nachdem Osterstückh in dem Text als „Melzer“ bezeichnet wird, könnte es sich dabei um Malz, Grünmalz oder geweichte Gerste handeln.

3.2      Hausbuch der Landauer

Ein Jahrhundert nach der Familie Mendel gründete die Familie Landauer gemäß deren Vorbild ein weiteres Zwölfbrüderhaus in Nürnberg [56] . Auch von diesem liegt ein Hausbuch mit zahlreichen handwerklichen Darstellungen vor. Ähnlich wie bei den Mendels werden ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert nur noch Portraits ohne Werkzeuge gezeichnet. Aus dem verbleibenden interessanten Zeitrahmen gibt es drei Abbildungen von Brauern.

Abb. 16: Hans Schäffer,
Landauer Band I (1596), Seite 64

Hans Schäffer wird mit der schon bekannten Schöpfkelle und einem Eimer dargestellt. Symbole oder sonstige Zeichen fehlen.

Abb. 17: Linhardt Sigel,
Landauer Band I (1610), Seite 60v

Bei Linhardt Sigel sieht man etwas Neues: Das Abfüllen von Fässern. Links im Bild ein Holzkrug.

Abb. 18: Jacob Linckh,
Landauer Band I (1659), Seite 118v

Jacob Linckh wird bereits ohne Werkzeug dafür aber wieder mit Hexagramm in roter Farbe dargestellt. Innen im Stern ein Symbol, vermutlich das Familienwappen.

3.3      Resümee der Abbildungen

Betrachtet man alle Bier-Abbildungen der beiden Hausbücher, so fällt auf, daß alle Bierhandwerker mit Kessel immer auch ein Symbol an einer Stange über sich haben. Gleichzeitig sind alle Braukessel mit Ringen versehen, vermutlich um transportabel zu sein.

Zwei Besonderheiten in Nürnberg spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle: Zum einen gab es wie bereits erwähnt keine Zünfte [57] , zum anderen sahen sich die Nürnberger Brauer selbst ohnehin nicht als Handwerker. Vielmehr fühlten sich die Brauherren dem Handelsstand zugehörig und brauchten bis zum Ende des 15. Jahrhunderts auch nicht in der Braukunst erfahren sein [58] . Das Brauen wurde von städtischen Braumeistern und deren Knechten durchgeführt, womit der Stadtrat gleichzeitig eine bessere Kontrolle über die Bierherstellung und vor allem die Versteuerung hatte. Diese obrigkeitliche Überwachung wurde abgerundet durch die amtlichen Biermesser [59] . Eine derartige städtische Aufsicht beim Bierbrauen ist auch aus Freiberg überliefert [60] .

Der Bierbrauer-Eid wurde gemäß den Nürnberger Satzungsbüchern von allen die preuwent und mulcent oder mit den kessel umbegent [61] , also denen, die „brauen, mälzen oder mit dem Kessel umhergehen“ geschworen.

Aus den genannten Indizien kann man schließen, daß die Braumeister und Biermesser mit dem Braukessel von Haus zu Haus zogen, um dort Bier für die jeweiligen Hausherren zu brauen. Damit die Bürger wußten, daß es in der Braustätte nun Bier gab, wurde als Zeichen für den Ausschank ein Symbol an einer Stange aus dem Haus gehängt [62] .

Das Amt des städtischen Braumeisters verschwindet in späteren Jahren [63] und passend dazu finden sich in den Hausbüchern keine Brauerkessel mehr mit Ringen. Auch die Darstellungen im Hausbuch der Landauer unterstützen diese These, da hier ebenfalls keine Abbildungen mit „Ring-Kesseln“ vorliegen. Eine weitere Ursache liegt wohl auch in der steigenden Betriebsgröße der Brauereien, da die dann größeren Kessel nicht mehr transportabel waren und fest eingemauert wurden.

Summiert man diese Erkenntnisse, so folgt, daß Herttel Pyrprew, Jorg Prewmaister und Hans Frank, in ihrer Tätigkeit als Bierbrauer beziehungsweise Biermesser und als Insassen der Zwölfbrüderstiftung mitnichten Geistliche, sondern mit einiger Wahrscheinlichkeit Angestellte der Stadt Nürnberg waren. Die in vielen Quellen so beliebte Anführung vom Herttel als Beweis für die Braukunst der (deutschen) Mönche ist damit falsch.

Nichtstädtische Brauer finden sich in dem Hausbuch in den Anfangsjahren wohl deshalb nicht, weil die Brauherren in aller Regel sehr vermögend waren [64] und daher nicht der Altersalmosen bedurften. Die späteren Darstellungen (Abbildungen 12-15) der Brauer mit Schöpfer datieren aus einer Zeit, als es der Stadt Nürnberg generell und den Brauern im besonderen allmählich schlechter ging und daher der eine oder andere im Alter verarmte [65] .

Hans Albrecht, genannt Distler ist ein Sonderfall, der erst im Zusammenhang mit den Ausschankzeichen im folgenden Kapitel diskutiert werden kann.


voriges Kapitel

[43] Vgl. Kapitel 6: Ausblick

[44] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 8

[45] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 68

[46] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 26

[47] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 93

[48] Vgl. Kapitel 4.3

[49] St. Jobst, Aussätzigenspital in Nürnberg

[50] aussätzig

[51] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 93

[52] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 98

[53] Literaturverzeichnis: Walter Grönert, S. 48

[54] Literaturverzeichnis: Faksimile Mendelsches Hausbuch, S. 96 / 2

[55] zur synonymen Verwendung von Penta- und Hexagramm siehe Kapitel 4.3

[56] Literaturverzeichnis: Stadtlexikon Nürnberg, S. 606 f

[57] Vgl. Kapitel 2.4: Entstehung der Zünfte

[58] Literaturverzeichnis: Werner Schultheiß, S. 29; eine ähnliche Rechtslage galt für Hamburg, Bremen, Wismar, Lübeck und sogar ganz Böhmen, Werner Schultheiß S. 152, ebenso Karin Hackel-Stehr, S. 80

[59] Literaturverzeichnis: Werner Schultheiß ebenso Walter Grönert

[60] Literaturverzeichnis: Freiberger Altertumsverein, S. 88-89

[61] Literaturverzeichnis: Nürnberger Satzungsbücher, S. 153;

[62] Das Ausschankrecht, die Vorschriften und die Bedeutung der Symbole wird im Kapitel 4: Ausschankzeichen diskutiert

[63] Literaturverzeichnis: Werner Schultheiß, S. 30-31

[64] Literaturverzeichnis: Werner Schultheiß, S. 70

[65] Literaturverzeichnis: Werner Schultheiß, S. 46